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Ein denkmalgeschützter Junkersbau

Das im Jahr 1930 am Leopoldshafen errichtete Bootshaus der Junkers Paddelgemeinschaft steht unter Denkmalschutz. Grund dafür ist die Dachkonstruktion aus Stahllamellen.

Bootshaus mit Holzfassade, schräg von vorne fotografiert. Im Vordergrund ein Baum mit umlaufender Sitzbank
Das Bootshaus vermutlich zu Beginn der 30er Jahre. – Fotograf unbekannt.

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Deren Prinzip hatte der Flugpionier, Techniker und Unternehmer Hugo Junkers Mitte der 20er Jahre entwickelt. Dabei übertrug er Prinzipien, die er aus dem Flugzeugbau kannte: dünne Metallbleche, die durch Sicken, Aufkantungen, Wölbungen so ausgesteift werden, dass sie bei minimalem Materialeinsatz maximale Stabilität erreichen.

Und was bei Tragflächen funktionierte, sollte sich auf Hallendächer übertragen lassen. Der erste Versuchsbau war ein kleiner Benzinschuppen auf dem Werksgelände, der 1925 errichtet wurde. Ein behördlicher Belastungsversuch bestätigte die Tauglichkeit der Konstruktion. Die Serienproduktion konnte beginnen.

Zollingers Patent

Was Junkers indes übersehen (oder ignoriert hatte): Ihm war jemand zuvorgekommen. Der Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger hatte eine ähnliche Leichtbaukonstruktion entwickelt und höchst erfolgreich vermarktet. (200 Elbe-Kilometer stromauf steht ein Bootshaus mit Zollinger-Dach.)

Statt Stahl verwendete Zollinger zwar Holz, vermerkte allerdings in seiner Patentschrift ausdrücklich, dass sich die Konstruktion ebenso in Stahl ausführen ließe. Nach langen Streitigkeiten einigte man sich außergerichtlich und das Junkers-System wurde fortan unter dem Namen Junkers-Zollbau-Lamellendach angeboten.

Weltweite Vermarktung

Die Stahllamellendächer wurden weltweit vertrieben. Von den damit errichteten Hallen und Dachkonstruktionen sind heute nur wenige erhalten, die meisten wahrscheinlich in Dessau. Eine wird als Segelflug-Hangar auf dem örtlichen Flugplatz genutzt. Im Dessauer Wasserwerk wurde die Stahllamellenbauweise ebenfalls angewendet. Vom völligen Verfall vorerst gerettet (aber mit ungewisser Zukunft) steht eine Halle auf dem Gelände des ehemaligen Junkers-Kaloriferwerks.

Weitere Hallen gibt es unter anderen in Leipzig und Zwischau und auf den Flugplätzen in Oberschleißheim bei München, Heston bei London und unweit der englischen Stadt Shrewsbury. In Liverpool wurde eine Stahllamellenhalle zu einem spektakulären Bürogebäude umgebaut, dem Skyway House.

Restbestände und ein Knick

Das Dach des Junkers-Bootshauses stellt eine große Ausnahme dar: Es ist als Spitzbogen ausgebildet, während ansonsten mehr oder minder stark gewölbte Rundbögen üblich waren. Der Grund: Das Haus war zu schmal; bei etwas mehr als 14 Meter Breite ließ sich die Dachkonstruktion nicht als Rundbogen ausführen. Ein „Knick" im First half, die Spannweite zu verringern.

Die beim Junkers-Bootshaus verbauten Lamellen haben einen S-förmigen Querschnitt – eine Form, die Junkers eigentlich nur zwischen 1925 und 1928 verwendete, bevor sie durch leichtere, C-förmige Lamellen abgelöst wurde. Vermutlich stammen sie aus älteren Lagerbeständen. Sie machen das Bootshaus zu einem seltenen Zeugnis der frühen Fertigungsphase.

Alu-Wellblech für die Türen

Für die sehr leichte Dachkonstruktion wurden standardisierte Lamellen, Knotenbleche und Pfetten verwendet, die weltweit beim Bau von Industriehallen und Hangars eingesetzt wurden und mit denen Breiten bis zu 40 Meter überspannt werden konnten. Als Wärmedämmung empfahl Junkers für seine Lamellenhallen ein Torfprodukt namens Torfoleum, das auch in den Bauhaus-Gebäuden in Dessau zum Einsatz kam – beim Bootshaus selbst spielte Wärmedämmung freilich keine Rolle. Dass die Stahllamellen ausgerechnet bei einem Bootshaus in Dessau verwendet wurden, war kein Zufall: Nicht nur hatte Junkers bis zu seiner Enteignung durch die Nazis in Dessau Flugzeuge entwickelt und gebaut und damit Weltruhm erlangt, das Bootshaus gehörte zudem einer werkseigenen Sportgemeinschaft – eben jener heute noch existenten Junkers Paddelgemeinschaft.

Neben der Dachkonstruktion verweist ein anderes Detail auf Junkers: Die Türen der bauzeitlichen Spinde bestehen aus dem gleichen Alu-Wellblech, das lange Zeit so markant war für Junkers-Flugzeuge.

Volkssport Faltbootfahren

Errichtet wurde das Kanuten-Bootshaus im Mai 1930, wie die Junkers-Werkzeitschrift in ihrer Ausgabe 3/1930 vermeldete. Ein Monteur und drei Junkers-Lehrlinge stellten die Lamellenkonstruktion in lediglich zwei Wochen auf. In der Zeitschrift des Kanu-Verbandes fühlte sich der Ingenieur E. J. Ritter bei der Betrachtung des neuen Vereinssitzes „an die Kanuhäuser der Eingeborenen auf den Südseeinseln erinnert", die ihm den Gegenentwurf zur „zivilisatorischen Degeneration" boten.

Wie auch immer: Als das Junkers-Bootshaus errichtet wurde, galt das Kanufahren in Deutschland geradezu als Volkssport. Sogar in den Lehrwerkstätten der Junkers-Unternehmen wurden Paddelboote gebaut – wer sich die Bauweise einer F 13 oder Ju 52 anschaut und mit den damals üblichen Bootsbauweisen vergleicht, ahnt, dass es dabei um mehr als sportliche Aspekte ging.